Geschichte vom Schloss Toompea
Schloss Toompea
Das Schloss Toompea ist im Laufe der Geschichte immer ein Machtzentrum gewesen. Es hat hier mehrere Herrscher gegeben und deswegen ist auch die Architektur verschiedenartig.

Ungefähr vor tausend Jahren errichteten die Esten hier eine Bauernburg. Im 13. Jahrhundert besetzte der König von Dänemark Waldemar II die halbleere Burg Toompea. Seitdem herrschte auf Toompea fremde Macht. Die Dänen begannen eine steinerne Burg zu errichten. Im 14. Jahrhundert wurde Herrscher der Burg der Livländische Orden, der auf Toompea ein neues Hauptgebäude – das Konventshaus erbaute. Das Konventshaus war ein typischer mittelalterlicher Bau, wo sich Wohn- und Wehrräume unter einem Dach befanden. An der Stelle des mittelalterlichen Konventshauses ist das Gebäude der Riigikogu errichtet worden.

Der Orden errichtete auch eine neue Ringmauer, an deren Ecken zwei Wehrtürme erbaut wurden: im Südwesten der Lange Hermann und im Südosten Stür den Kerl. Um 1400 wurde an der nordwestlichen Ecke der Burg der kleine Pilsticker-Turm und Anfang des 16. Jahrhunderts im nordöstlichen Teil der Burg der Landskrone-Turm erbaut. Zur gleichen Zeit erreichte auch der Lange Hermann seine heutige Höhe – 45,6 m.

Von der mittelalterlichen Burgmauer sind bis heute der nördliche und der westliche Teil und drei Türme erhalten. Der bekannteste von ihnen ist der Lange Hermann, der zum ersten Mal im Jahre 1371 erwähnt worden ist.

Der Lange Hermann
Der Lange Hermann ist sowohl beim Namen als auch nach der Bauart ein typischer niederrheinischer Wachtturm. An der Spitze des Turmes, 95 m über dem Meeresspiegel, haben unterschiedliche Staatsflaggen geweht. Die blau-schwarz-weisse Flagge wurde hier zum ersten Mal am 12. Dezember 1918 aufgezogen. Nach der jahrzehntelangen sowjetischen Okkupation wehte die blau-schwarz-weisse Flagge an der Spitze des Turms wieder am 24. Februar 1989. Heute wird die estnische Staatsflagge – 191x300 cm gross – an der Spitze des Turms täglich beim Sonnenaufgang (jedoch im Sommer nicht früher als um 7.00) aufgezogen und beim Sonnenuntergang (im Sommer nicht später als um 22.00) gesenkt.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Herrscher von Toompea wechselten. Während der schwedischen Macht wurde auf Toompea, an der westlichen Mauer der Ritterburg, das repräsentative sog. Reichssaal-gebäude errichtet. Es war einer der hervorragendsten Renaissancebauten in Estland, reichlich mit Bildwerken und Malereien geschmückt. Damit der Saal Licht erhalte, wurden breite Fensteröffnungen in die alte Burgmauer gebrochen. An der westlichen Aussenwand des Reichssaals befand sich ein aus der Schwedenzeit stammender Trompeterbalkon, von dem aus unter den Trompetenklängen dem Volk die Gesetze des schwedischen Königs verlesen wurden. Der Reichssaal ist leider nicht erhalten.

Im 18. Jahrhundert, nach dem Nordischen Krieg wurde Estland dem russischen Zarenreich angegliedert. Die Burg Toompea hatte ungefähr 60 Jahre leer gestanden und begann zu verfallen. Im Südteil der Burg wurde nach dem Projekt von Johann Schultz das Gebäude der Gouvernementverwaltung Estlands errichtet, das barocke Fassade erhielt. Im Laufe der Bauarbeiten wurde der Turm Stür den Kerl abgetragen. Ab der Errichtung des Gouvernementsschlosses wird das ganze Ensemble Schloss genannt. Im Jahre 1935 wurde auch die Fassade des Gebäudes der Gouvernementverwaltung verändert: vor der Hauptpforte wurde ein auf Säulen ruhender Altan angebaut.

Der Weisse Saal
Die ursprüngliche Ausstattung des Weissen Saals war frühklassizistisch. Der Saal war mit einer Spiegeldecke und reichlichen Wandverzierungen geschmückt. Im Laufe des Umbaus des Schlosses im Jahre 1935 wurden die Hängezierde und die Spiegeldecke beseitigt, die Wände blieben mit glattem Kunstmarmor getäfelt. Heute herrscht hier strenger Klassizismus. Die Leuchter des Weissen Saals stammen aus dem Jahre 1935 und sind aus Belgien gebracht worden. Der eichene Arbeitstisch ist zur gleichen Zeit in Estland hergestellt worden. Der Teppich ist in der Sowjetzeit in Tadshikistan gewebt worden und wiegt 400 kg. Im Weissen Saal wurden auch die Sitzungen der Riigikogu abgehalten, bis ihr eigenes Gebäude im Herbst 1922 vollendet war. Bis zum Sommer 2000 wurden hier Regierungssitzungen abgehalten, dann aber zog die Regierung in das sog. Stenbockshaus um, das sich unweit von hier, ebenso auf Toompea befindet. Nach dem Umzug der Regierung verbesserten sich die Arbeitsbedingungen der Abgeordneten – von nun ab steht je zwei Abgeordneten ein mit Computer ausgestatteter Arbeitsraum zur Verfügung.

Das Gebäude der Riigikogu
Im 19. Jahrhundert wurde das alte Konventshaus umgebaut und in ein Gefängnis verwandelt. Im südlichen Teil des Gebäudes wurden Verwaltungsräume eingerichtet, in übrigen Flügeln aber Gefängniszellen. Während der Februarrevolution 1917 wurde das Gefängnis in Brand gesteckt. Nach der Verselbständigung Estlands im Jahre 1918 erstand 1920-22 an Stelle der Ruinen des ehemaligen Konventshauses das Parlamentsgebäude, das nach dem Projekt estnischer Architekten Eugen Habermann und Herbert Johanson erbaut wurde.

In der Architektur des Gebäudes sind zwei Richtungen zu unterschieden: Traditionalismus der 1920er Jahre und Expressionismus. Das Gebäude der Riigikogu ist unter den Parlamentsgebäuden der Welt einzigartig, da es das einzige expressionistische Parlamentsgebäude ist. Aussen ist es traditionalistisch, die Koloristik des Interieurs und die vom Dreieck ausgehende Verzierung sind jedoch expressionistisch.

Am attraktivsten wirkt beim Saal die zitronengelbe Decke. Von der Wand trennt die Decke ein zackiges Karnies, hinter der die Leuchten verborgen sind; versteckte Lichtquellen waren damals etwas ganz Neues, geschweige denn die Ingebrauchnahme der Elektrizität und eine solche Gesamtlösung. Im Sommer 1997 stellte man den Plenarsaal und im Sommer 1998 die Korridore und das Vestibül des Parlamentsgebäudes in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder her. Die Möbel in den Gängen und im Plenarsaal sind grösstenteils von den Architekten Johanson und Habermann entworfen.

Den hinter den hinteren Türen des Plenarsaals befindlichen Korridorteil nannten die Architekten „expressionistische Höhle“. Die dunkle, gewölbte Decke der „Höhle“ erweckt in Leuten, die den Plenarsaal betreten, den Eindruck, als wäre der Saal noch grösser und die Zitronengelbe Decke noch höher.

Die Quadersteine an beiden Seiten der ins Korridor führenden Tür stammen aus der Kapelle des alten Konventsgebäudes und sind im 15. Jahrhundert zugehaut worden. Auf dem linken ist die Distel und auf dem rechten die Traube dargestellt. Als das Konventshaus niederbrannte, wurden die ziemlich gut erhaltenen Steintafeln gefunden, und es wurde beschlossen, sie an der Wand anzubringen, da sie mit dem Interieur gut zusammenpassten. Die Darstellungen auf diesen Steintafeln lassen sich mit den Geboten der Bibel verbinden. Die Traubentafel besagt: „Arbeite im Weinberg des Herren!“ und die Disteltafel: „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“
02.03.2003
02.03.2003